Das Cover verrät zwar auch nicht viel, doch die dunklen Wassermassen scheinen den einsamen Jungen zu verschlingen, erschrocken hält er seine Hände ans Gesicht, Schilf drängt sich nach oben durch die Flut, der Himmel scheint mehr Unheil zu bringen.
Dieses Cover und die Neugier nach dem Inhalt brachten mich dazu, dieses Buch auszuwählen. Laut Einbandrückseite geht es um die junge Frau Alba, die ihren älteren Bruder mit sechs Jahren verliert und wie sie mit diesem Schicksalsschlag als erwachsene Frau umgeht.
Die Autorin schafft mit ihrer Art zu schreiben ein Bild von der Gefühlswelt Albas, manche Dinge sind klar und detailliert, da fliegt mal ein gelb schillernder Vogel und hier eine Spinne, die sich in der Dunkelheit den rosigen Fingern nähert.
Doch andere Dinge bleiben im vollkommenen Nebel: Namen, Menschen, Begegnungen, der Alltag. Manchmal irritiert es, ich als Leser würde gerne wissen, wo befindet sie sich, mit wem, wie kam sie dazu? Doch man muss sich daran gewöhnen, dass das alles nebensächlich ist, weil es nur um Albas kleine Welt geht, in der nur manche Begegnungen eine Rolle spielen und der Ort, an dem sie sich befindet, nichts an ihren Gefühlen ändert.
Auch ist es interessant wie auch erschreckend, wie sich Alba entwickelt. Der Verlust und die Ungewissheit treiben sie fast um den Verstand. Sie vertieft sich so sehr in die Welt der Grausamkeiten und der Gier, schneidet sich Zeitungsartikel aus und liest über brutalste Vergewaltigungsmöglichkeiten, sieht nur noch das Schlechte in den Menschen, kann sich nicht binden und möchte es doch irgendwie.
Man wird als Leser in ihre Welt eingeführt, mit all ihren Gedanken, den Obszönitäten, die anderen widerfahren, eine dunkle und einsame Welt.
Empfehlen kann ich dieses Buch nur bedingt. Hier lässt man sich auf die Traurigkeit eines Menschen ein, der sich sehr oft in die Vorstellungen hineinsteigert, was für Grausamkeiten ihrem Bruder passiert sein könnten. Und diese sind genauestens beschrieben. Manche Sachen hätte man auch umschreiben können ohne, dass es abgemildert wirkt.
Die Autorin schafft es jedenfalls sehr gut, einen Menschen darzustellen, der das Wichtigste in seinem Leben verliert, Stück für Stück daran zerbricht und nur noch ein Schatten seiner selbst ist.
Hier eine Passage, die meiner Meinung nach das Buch ganz gut beschreibt:
„Mein Herz stürzte in die Finsternis. Meine Seele labte sich an Mutlosigkeit, mein Leib zechte Bedrückung. Mit aller Macht dirigierte mich das Böse. Ich ließ es zu.“